Marktkommentar

Ein Ölpreis von mehr als 100 US-Dollar, steigende Inflation und gleich drei große Zentralbanken, die innerhalb weniger Tage die Zinsen erhöhen. Der September hat Anleger daran erinnert, dass geopolitische Konflikte irgendwann doch ihren Weg in die Geldpolitik finden. Der Krieg liefert den Preisschock und die Notenbanken den Zinsschock.

Ausgangspunkt bleibt die Straße von Hormus. Die anhaltenden Störungen des Schiffsverkehrs und Angriffe auf die Energieinfrastruktur haben den Ölpreis im Laufe des Monats zeitweise deutlich über 100 US-Dollar je Barrel getrieben. Damit ist aus einem geopolitischen Risiko längst ein handfestes Inflationsproblem geworden. Höhere Energiepreise verteuern Transport, Produktion und letztlich den Alltag der Verbraucher.

Das bringt die Zentralbanken in eine ausgesprochen unangenehme Lage. Weder die Europäische Zentralbank noch die Federal Reserve können zusätzliche Tanker durch die Straße von Hormus schicken oder beschädigte Pipelines reparieren. Und genau darin liegt das Problem. Eine Zinserhöhung ist eigentlich kein geeignetes Instrument, um einen exogenen Angebotsschock zu bekämpfen. Höhere Zinsen fördern kein zusätzliches Öl und öffnen keine blockierte Handelsroute. Sie können lediglich verhindern, dass sich der anfängliche Preisschock über Löhne, Preiserwartungen und weitere Güter dauerhaft in der Inflation festsetzt.

Für die EZB ist dieser Zielkonflikt besonders schwierig. Die Konjunktur im Euroraum steht auf vergleichsweise schwachen Füßen. Höhere Zinsen treffen dort auf eine Wirtschaft, die kaum zusätzlichen Gegenwind gebrauchen kann. Die EZB versucht also, die indirekten Folgen eines Energiepreisschocks einzudämmen, indem sie gleichzeitig Kredite, Investitionen und Konsum verteuert. Geldpolitisch nachvollziehbar, konjunkturell aber alles andere als komfortabel.

In den USA lässt sich derselbe Schritt deutlich leichter begründen. Die amerikanische Wirtschaft zeigt sich weiterhin robust, der Arbeitsmarkt ist vergleichsweise stark und die Unternehmensinvestitionen bleiben hoch. Die Federal Reserve bekämpft deshalb nicht nur die möglichen Zweitrundeneffekte des Ölpreisschocks, sondern trifft zugleich auf eine Wirtschaft, die höhere Finanzierungskosten eher verkraften kann. Dass die amerikanische Notenbank im September erstmals seit 2023 die Zinsen anhob, wirkt vor diesem Hintergrund deutlich weniger widersprüchlich als die Straffung im Euroraum.

Dennoch haben die Notenbanken im September gehandelt. Die EZB erhöhte ihren Einlagensatz auf 2,5 Prozent und warnte vor länger anhaltender Inflation. Wenige Tage später folgte die Federal Reserve mit ihrer ersten Zinserhöhung seit 2023. Auch die Bank of Japan hob ihren Leitzins auf 1,25 Prozent und damit auf den höchsten Stand seit mehr als drei Jahrzehnten. Von der lange erwarteten globalen Lockerungsrunde ist damit vorerst wenig übrig geblieben.

Die Folgen waren besonders am Anleihemarkt zu sehen. Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen überschritt zwischenzeitlich die Marke von 5 Prozent, während auch in Europa und Japan die Finanzierungskosten deutlich stiegen. Das ist relevant weit über den Anleihemarkt hinaus. Höhere Staatsanleiherenditen verteuern Hypotheken, Unternehmenskredite und Investitionen – und erhöhen gleichzeitig die Messlatte für Aktien.

Bemerkenswert ist deshalb, wie robust sich die Aktienmärkte bislang halten. Trotz Ölpreisschock, steigender Zinsen und wachsender Sorgen über die Staatsverschuldung bleiben US-Aktien gefragt. Insbesondere die hohen Unternehmensgewinne und der weiterhin enorme Investitionsbedarf rund um künstliche Intelligenz sorgen dafür, dass Anleger zwischen Problemen der Staaten und Chancen der Unternehmen unterscheiden. Washingtons Schulden werden skeptischer gesehen, amerikanische Unternehmen dagegen weiterhin gekauft.

Ganz hoffnungslos ist auch die Lage am Ölmarkt nicht. Gegen Ende September erreichten die westlichen Ölimporte aus dem Nahen Osten wieder rund 80 Prozent ihres Vorkriegsniveaus. Produzenten haben alternative Transportwege geschaffen und der Schiffsverkehr durch Hormus hat sich teilweise erholt. Eine weitere Normalisierung könnte den Ölpreis und damit auch den Inflationsdruck deutlich reduzieren. Allerdings steigt mit dem wirtschaftlichen Druck auf Iran zugleich das Risiko neuer Eskalationen.

Damit bleibt der Ölpreis vorerst eine der wichtigsten Größen für die Kapitalmärkte. Fällt er nachhaltig, könnten Inflationssorgen und Zinsdruck relativ schnell nachlassen. Bleibt er dagegen oberhalb von 100 US-Dollar oder steigt erneut deutlich, bleibt den Zentralbanken nur die Wahl zwischen unangenehmen Alternativen. Sie können den eigentlichen Preisschock nicht beseitigen, sondern nur verhindern, dass er sich verselbstständigt. Besonders für die EZB ist das eine undankbare Aufgabe: Der Krieg verteuert die Energie und um dessen Folgen zu bekämpfen, verteuert die Geldpolitik auch noch den Kredit.