Marktkommentar

Die Verhandlungen zwischen den USA und Iran folgen inzwischen einem bemerkenswert effizienten Muster. Man einigt sich, erklärt die Gespräche für konstruktiv, bricht die Vereinbarung, greift einander an und setzt sich anschließend wieder zusammen, um über die nächste konstruktive Vereinbarung zu sprechen. Im Juni wurde eine Absichtserklärung geschlossen, die den Waffenstillstand verlängern und die Straße von Hormus schrittweise öffnen sollte. Danach wurde wieder geschossen. Ende Juli legten beide Seiten erneut eine Angriffspause ein, während Oman zwischen Washington und Teheran vermittelte. Verhandelt wird unter anderem darüber, welche Schiffe entlang der omanischen Küste und welche durch iranische Gewässer fahren dürfen. Diplomatie ist eben die Kunst, nach mehreren Wochen Eskalation jene Probleme zu lösen, die ohne die Eskalation kaum bestanden hätten.
Für die Kapitalmärkte ist entscheidend, dass sich die militärische Choreografie unmittelbar im Ölpreis abbildet. Als der Konflikt eskalierte, die Durchfahrt durch Hormus weitgehend zum Erliegen kam und zusätzlich Huthi-Angriffe die Route durch das Rote Meer bedrohten, stieg Brent zeitweise auf mehr als 100 US-Dollar je Barrel. Nach der Angriffspause brach der Preis innerhalb eines Tages ein und notierte zeitweise bei rund 86 Dollar. Der Ölmarkt handelt damit weniger die langfristige Nachfrage als die jeweils jüngste Pressemitteilung aus Washington, Teheran oder Maskat.
Das Problem ist nicht nur der hohe Preis, sondern seine Dauer und Übertragung. Steigende Energie- und Transportkosten treffen Unternehmen, Verbraucher und Inflationserwartungen gleichzeitig. Aus einem zunächst externen Angebotsschock kann ein breiterer Preisimpuls werden, wenn Unternehmen höhere Kosten weitergeben und Beschäftigte einen Ausgleich für Kaufkraftverluste verlangen. In den USA lag die anhand der persönlichen Konsumausgaben gemessene Inflation zuletzt bei 4,1 Prozent und damit mehr als doppelt so hoch wie das Ziel der Federal Reserve. Der Energieschock trifft zudem auf bereits bestehende Preistreiber wie Zölle und hohe Investitionen in Infrastruktur.
Da ist es natürlich beruhigend, dass Fed-Chef Kevin Warsh ausgerechnet jetzt die Forward Guidance weitgehend entsorgt. Anleger dürfen selbst erraten, ob die Notenbank steigende Inflation, schwächeres Wachstum oder hohe Kapitalmarktrenditen für das größere Problem hält. Das Ergebnis war eine deutliche Versteilerung der US-Zinskurve. Die Rendite 30-jähriger Staatsanleihen stieg zeitweise auf 5,24 Prozent. Warsh argumentiert, der Markt habe die Finanzierungsbedingungen bereits gestrafft, ohne dass die Fed selbst handeln müsse. Geldpolitik durch Auslagerung, auch das ist eine Form von Effizienz.
Die Europäische Zentralbank hat dagegen bereits gehandelt und im Juni den Leitzins auf 2,25 Prozent erhöht. Aus heutiger Sicht war das die falsche Entscheidung. Die EZB reagierte auf einen importierten Energieschock, den höhere europäische Zinsen weder verhindern noch beheben können. Sie kann die Straße von Hormus nicht öffnen, aber immerhin europäische Kredite verteuern.
Das Wachstum der Eurozone um 0,4 Prozent im zweiten Quartal sollte deshalb nicht als Beginn einer kräftigen Erholung missverstanden werden. Deutschland, Frankreich und Italien kamen jeweils nur auf 0,2 Prozent. Wesentliche Impulse stammen aus staatlich gestützten Investitionen, fiskalischen Programmen und einem schwächeren Euro. Sie kamen nicht aus einer überzeugenden Belebung des privaten Konsums und der Unternehmensinvestitionen. Das Plus ist willkommen, aber noch kein selbsttragender Aufschwung.
Eine weitere Zinserhöhung im September droht genau diese fragile Entwicklung abzuwürgen. Höhere Finanzierungskosten würden Bau, Industrie und Investitionen treffen, während die Ursache des Inflationsdrucks außerhalb des Einflussbereichs der EZB liegt. Europa bekämpfte dann teures Öl mit weniger Wachstum. Das ist formal konsequent, wirtschaftlich wenig überzeugend.
Der Einigungsdruck auf Washington und Teheran bleibt allerdings enorm. Iran braucht funktionierende Exportwege, die USA wollen vor den Zwischenwahlen sinkende Benzinpreise und die übrige Welt hat wenig Interesse daran, dass ein zentraler Energiekorridor dauerhaft als geopolitische Verhandlungsmasse verwendet wird. Keine Seite kann den wirtschaftlichen Schaden unbegrenzt tragen.
Für den Rest des Jahres besteht daher begründete Hoffnung auf eine zumindest belastbare Zwischenlösung. Eine schrittweise Öffnung der Meerenge würde die Risikoprämie im Ölpreis senken, den Inflationsdruck abschwächen und den Zentralbanken erlauben, weniger Schaden anzurichten. Das wäre noch kein Frieden. Für Wirtschaft und Märkte würde vorerst schon genügen, wenn die Geopolitik wieder lernt, die Spur zu halten.